Internationales Erbrecht Schweiz – USA
- Rechtsexpertin: Dominique Calcò Labruzzo
- Erbrecht
US-Trust-Strukturen im Kontext des Schweizer Erbrechts
Immer häufiger leben vermögende Familien in der Schweiz, während Kinder oder Begünstigte die Staatsangehörigkeit der Vereinigte Staaten besitzen.
Sobald eine US-Person involviert ist, verändert sich die Nachlassplanung grundlegend. Denn das schweizerische Erbrecht trifft auf das angloamerikanische Trust-System – zwei Rechtsordnungen mit unterschiedlichen Prinzipien.
Dieser Beitrag beleuchtet die Schnittstelle zwischen Schweizer Erbrecht und US-Trust-Strukturen – mit konkreten Praxishinweisen.
1. Ausgangspunkt: Welches Erbrecht gilt?
Nach schweizerischem IPRG ist grundsätzlich der letzte Wohnsitz des Erblassers massgeblich.
Lebt eine Person mit Vermögen in Zürich, gilt in der Regel Schweizer Erbrecht – auch wenn die Kinder US-Staatsbürger sind.
Das bedeutet:
- Anwendung des Schweizer Pflichtteilsrechts
- Zuständigkeit der Schweizer Behörden
- Schweizer Nachlassabwicklung
Die US-Staatsangehörigkeit der Erben ändert daran zunächst nichts.
2. Schweizer Pflichtteilsrecht – seit 2023 flexibler
Mit der Reform 2023 wurde das Pflichtteilsrecht liberalisiert:
- Pflichtteil der Nachkommen reduziert
- Wegfall des Pflichtteils der Eltern
- Mehr Testierfreiheit
Dennoch bleiben Pflichtteile zwingend.
Ein US-Trust kann diese nicht automatisch umgehen, wenn Schweizer Recht anwendbar ist.
Rechtstipp
Vor Einbringung von Vermögen in einen Trust ist zu prüfen:
- Wird dadurch ein Pflichtteil faktisch ausgehöhlt?
- Besteht Anfechtungsgefahr durch pflichtteilsberechtigte Erben?
- Ist genügend Liquidität vorhanden, um Ansprüche zu erfüllen?
3. Warum überhaupt ein US-Trust?
Ein Trust wird typischerweise eingesetzt bei:
- US-Kindern oder US-Begünstigten
- grossen Vermögen
- generationenübergreifender Planung
- US-Estate-Tax-Optimierung
- Asset Protection
Besonders relevant ist dies, wenn Kinder US-Personen sind.
Denn das US-Steuerrecht knüpft an die Staatsangehörigkeit an – nicht an den Wohnsitz.
4. US Estate Tax – die oft übersehene Dimension
US-Kinder unterliegen mit ihrem weltweiten Vermögen der US Estate Tax.
Das kann bedeuten:
- Besteuerung von Vermögen, das in der Schweiz vererbt wird
- Generation-Skipping Tax bei Enkelstrukturen
- umfangreiche Reporting-Pflichten
Ein korrekt strukturierter Trust kann helfen:
- Vermögen generationenübergreifend zu bündeln
- US-Estate-Tax-Belastungen bei jedem Generationenwechsel zu reduzieren
- administrative Stabilität zu schaffen
Rechtstipp
Folgende Fragen sind zwingend zu klären:
- Sind die Begünstigten US-Staatsbürger oder Green-Card-Holder?
- Welche Vermögenswerte gelten als US-situs assets?
- Besteht ein Doppelbesteuerungsrisiko?
- Ist ein Revocable oder Irrevocable Trust angezeigt?
5. Trust und Schweizer Anerkennung
Die Schweiz anerkennt Trusts gestützt auf das Haager Trust-Übereinkommen.
Aber:
Anerkennung bedeutet nicht, dass zwingende erbrechtliche Ansprüche ausgeschlossen sind.
Schweizer Gerichte prüfen insbesondere:
- Pflichtteilsverletzungen
- Umgehungstatbestände
- Gläubigerschutz
- Missbrauchskonstellationen
Ein Trust ist kein Instrument zur Aushöhlung zwingenden Schweizer Rechts.
6. Typische Struktur: Revocable zu Lebzeiten – Irrevocable nach Tod
In der Praxis findet sich häufig folgende Struktur:
- Revocable Foreign Grantor Trust während der Lebenszeit
- Übergang in einen Irrevocable US Dynasty Trust beim Tod
Ziel:
- Flexibilität zu Lebzeiten
- steuerliche Optimierung für US-Erben
- langfristige Vermögenssicherung
Diese Struktur muss jedoch mit dem Schweizer Pflichtteilsrecht kompatibel sein.
7. Unternehmerfamilien mit US-Kindern
Besonders komplex wird es bei:
- Schweizer Familienunternehmen
- Beteiligungen an AG oder GmbH
- Immobilienportfolios
- Private-Equity-Strukturen
Ein unkoordinierter Trust kann:
- Pflichtteilsprozesse auslösen
- gesellschaftsrechtliche Konflikte verursachen
- Liquiditätsengpässe erzeugen
Rechtstipp
Bei Unternehmerfamilien stets:
- gesellschaftsvertragliche Nachfolgeklauseln prüfen
- Stimmrechtsbindungen berücksichtigen
- Pflichtteilsfinanzierung sicherstellen
- internationale Steuerberater einbeziehen
8. Häufige Fehler in der Praxis
- Errichtung eines US-Trust ohne Schweizer Analyse
- Ignorieren des Pflichtteilsrechts
- Keine Koordination mit US-Tax-Counsel
- Fehlende Liquiditätsplanung
- Unklare Trustee-Struktur
- Unzureichende Dokumentation der Vermögensübertragung
Internationale Strukturierung ohne integrative Beratung führt häufig zu Doppelbesteuerung oder Anfechtung.
Fazit
Wenn Vermögen in der Schweiz liegt und US-Erben involviert sind, entsteht eine komplexe transatlantische Konstellation.
Erforderlich sind:
✔ Analyse des anwendbaren Schweizer Erbrechts
✔ Pflichtteilsprüfung
✔ US-steuerliche Strukturierung
✔ Koordination mit US-Beratern
✔ strategische Gesamtarchitektur
Ein Trust ist kein isoliertes Dokument, sondern Teil einer umfassenden Vermögensstrategie.
Internationale Nachlassplanung verlangt juristische Präzision, steuerliches Verständnis und strategisches Denken – insbesondere bei vermögenden, grenzüberschreitend strukturierten Familien.
Geprüft von rechtlichen Expert:innen
Dieser Fachbeitrag auf goanwalt.ch wurde von Schweizer Anwält:innen und rechtlichen Expert:innen geprüft.